12.10.2022: Diskussion um Raum „Panoptikum“ | MIX & MATCH

Diskussion...

Zum 20-jährigen Jubiläum der Pinakothek der Moderne präsentiert sich die Sammlung Moderne Kunst neu mit rund 350 Werken von mehr als 150 Künstler:innen aus dem Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Die neue Präsentation folgt nicht mehr dem Prinzip der chronologischen Gruppierung. Unter dem programmatischen Ausstellungstitel MIX & MATCH begegnen sich Malerei, Skulptur, Grafik, Fotografie und Videokunst erstmals in epochen- und medienübergreifenden Themenräumen. Kunstwerke aus 120 Jahren eröffnen in unkonventionellen Gegenüberstellungen lebendige Perspektiven auf zentrale Fragestellungen unserer Gegenwart.

In Saal 4 mit dem Namen „Panoptikum“ hängen Künstler der modernen Avantgarde Otto Freundlich, Pablo Picasso und Josef Scharl neben den zeitgenössischen Künstlern Thomas Helbig und Henrik Olesen. Auf der gegenüberliegenden Seite des wandfüllenden 46-teiligen Werkes von Henrik Olesen „Nach Magnus Hirschfeld“ hängt das Triptychon des NS-Künstlers Adolf Ziegler „Die vier Elemente: Feuer, Erde und Wasser, Luft“.

Der Künstler Georg Baselitz fordert in einem Schreiben an den Kunstminister Markus Blume und Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Prof. Dr. Bernhard Maaz die Abhängung des Werkes von Adolf Ziegler.

Drei Fragen an...

...Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Prof. Dr. Bernhard Maaz und Sammlungsdirektor der Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne, Dr. Oliver Kase:

1. Warum haben Sie das Gemälde gehängt?

Das Triptychon ist seit 2015 in vielfältigen Kontextualisierungen Teil der Dauerausstellung der Sammlung Moderne Kunst, weil wir die unmittelbare und kritische Auseinandersetzung mit NS-Kunst als eine wichtige Aufgabe der Kunstmuseen begreifen. Insbesondere in München als Ort der ersten „Großen Deutschen Kunstausstellung“ der Nationalsozialisten sowie der ersten Station der Feme-Ausstellung „Entartete Kunst“ ist für jüngere Generationen eine Beschäftigung mit diesem schwierigen Kapitel der deutschen Kunstgeschichte jenseits von Tabuisierungen und Dämonisierungen notwendig. Zieglers „Vier Elemente“ wurden für Besucher:innen durch die Sammlung Moderne Kunst umfangreich kommentiert, publiziert und vermittelt: www.pinakothek.de/gegenkunst.

In der aktuellen Sammlungsausstellung MIX & MATCH vertritt Zieglers Werk die ideologische und manipulative Normierung von Körperidealen, gegen den die Avantgarden mit ihrer Vielfalt der Identitäten und Schönheitsbegriffe als Positionen der Toleranz und Offenheit stehen.

2. Was sagen Sie zur Kritik von Georg Baselitz?

Unmittelbar nach Versand des nicht als „offener Brief“ deklarierten Schreibens von Herrn Baselitz lag dasselbe Medien im Wortlaut vor, sodass wir davon ausgehen müssen, dass nicht der persönliche Austausch, sondern von Anfang an die öffentliche Kritik im Mittelpunkt stehen sollte. Wir respektieren die Haltung Baselitz‘ und seine Ablehnung der Auseinandersetzung mit Adolf Ziegler. Die Sichtweisen von Historiker:innen und Kunsthistoriker:innen unterscheiden sich zurecht häufig von denen der Künstler:innen. Unsere Generation muss den Weg zu einer historisch versachlichten Beschäftigung mit NS-Kunst jenseits moralisierender Vorwürfe finden, wie sie seit einigen Jahren erfreulicherweise begonnen hat und von der Fachwelt und großen Teilen der Öffentlichkeit gewürdigt wird. Wir weisen die Kritik entschieden zurück, dass die Präsentation von Zieglers „Vier Elementen“ in irgendeiner Weise „NS-propagandistisch“, so Baselitz, sei. Das Triptychon wird durch einen Saal- und Objekttext erläutert, der zudem mit dem link www.pinakothek.de/gegenkunst auf die ausführlichen Darstellungen von Kontext und Entstehungsumständen verweist.

3. Können Sie sich ein Abhängen vorstellen?

Oder sehen Sie eher Anlass, die Einordnung nachzubessern?

Kritische Reaktionen und Diskussionen halten wir im Kontext mit NS-Kunst für wichtig und unerlässlich. Wir verstehen diesen offenen Austausch über die Kunst und ihre Gefährdung in ideologischen Systemen als einen wertvollen Beitrag zur sozialen Rolle des Museums. Dieser Austausch setzt voraus, dass NS-Kunst im Original zu sehen ist. Das fortdauernde Verbergen problematischer Kunst führt nie zum kritischen Diskurs, sondern nur zur Fortsetzung der Tabuisierung. Diese antiaufklärerische Grundhaltung sollten Museen des 21. Jahrhunderts im Zuge einer demokratischen Debatte hinter sich lassen. 

Weitere Informationen zu Künstlern im Nationalsozialismus finden Sie hier: www.pinakothek.de/gegenkunst